Referenz Clemes Krienbuehl

Pferdewohl – oder wann ist es dem Pferd wohl?

Die Pferdehaltung hat in den letzten Jahren einen grossen Wandel durchlaufen. Von der klassischen Boxenhaltung bis hin zu modernen Bewegungsställen – der Wunsch, den Pferden eine artgerechte Lebensweise zu bieten, steht im Fokus vieler Pferdebesitzer:innen. Doch was braucht ein Pferd wirklich, um sich wohlzufühlen? Und wie lassen sich diese Bedürfnisse in der Praxis umsetzen?

Vor 1 Jahr

Bevor das Pferd domestiziert wurde, lebte es wild in weitläufigen Steppenlandschaften. Im Herdenverband suchte es nach Nahrung und Wasser, stets auf der Hut vor seinen natürlichen Feinden – ein klassisches Fluchttier. Diese Charakterzüge bestimmt auch heute noch seine Bedürfnisse. Pferde sind hochsensible, soziale Tiere mit einem ausgeprägten Drang nach Bewegung, Sozialkontakt und Sicherheit. Obwohl sie seit Tausenden von Jahren beim Menschen leben, bleiben ihre ursprünglichen Verhaltensweisen und Instinkte tief verankert.

Pferdewohl Möglichkeit

Genau diese gilt es zu beachten, wenn wir Pferde artgerecht halten wollen. «Wie ein Mensch mit Pferden und andere Equiden umgeht, sie hält und nutzt, ist für das Wohlergehen und die Gesundheit zentral», schreibt zum Beispiel das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen. Eine artgerechte Haltung, die auf die natürlichen Anforderungen der Tiere eingeht, trägt also nicht nur zur physischen Gesundheit bei, sondern auch zum psychischen Wohlbefinden der Pferde. 

Die verantwortungsvolle Haltung eines Pferdes erfordert mehr als nur einen stabilen Unterstand und Futter. Doch was genau bedeutet «artgerecht»? Diese Frage ist komplex und erfordert eine differenzierte Betrachtung. Denn es gibt nicht die eine ideale Haltungsform, die für alle Pferde gleichermassen passt – und die auch für alle Betriebe und Ställe umsetzbar ist. Vielmehr geht es darum, den Tieren die Möglichkeit zu bieten, ihre natürlichen Bedürfnisse in einer möglichst optimalen Umgebung auszuleben.

Um Pferden ein artgerechtes Leben zu ermöglichen, müssen ihre Grundbedürfnisse verstanden und in die Haltung integriert werden. Hier sind fünf wesentliche Aspekte, die bei der modernen Pferdehaltung berücksichtigt werden sollten.

Bedürfnis 1: Bewegung

Pferde brauchen Bewegung, um gesund und zufrieden zu bleiben. In freier Wildbahn sind sie bis zu 16 Stunden am Tag, meist im Schritt, unterwegs und grasen. Diese kontinuierliche Bewegung ist wichtig für den Bewegungs- und Verdauungsapparat. Jedes Pferd hat aber ein unterschiedliches Bewegungsbedürfnis. Dieses kann durch Trainings- oder Bewegungseinheiten allein aber fast nie abgedeckt werden und muss entsprechend bei der Haltungsform berücksichtigt werden. 

  • Für Ställe, die nicht die Möglichkeit haben, den Pferden mit Auslaufställen oder Weiden genügend Bewegung zu bieten, können Führanlagen eine sinnvolle Ergänzung darstellen. 
  • Auch Laufbänder eignen sich gut und dienen dem Muskelaufbau, dem Gewichtsmanagement, der Rehabilitation und der Verbesserung der Gangarten. Sie ermöglichen ein effektives und gelenkschonendes Training.

Bedürfnis 2: Ruhe

Pferde ruhen etwa sieben bis neun Stunden am Tag, wobei sie die meiste Zeit im Stehen dösen. Sie benötigen aber auch Phasen, in denen sie liegend entspannen können, um in den erholsamen REM-Schlaf zu fallen. Die Ruhephasen verteilen sich über den ganzen Tag – das Pferd ruht polyphasisch – wobei eine Phase etwa 20 Minuten dauert. Für eine gute Ruhephase braucht ein Pferd Sicherheit in vertrauter Umgebung, genug Platz und zum Liegen einen weichen, verformbaren und trockenen Untergrund sowie saubere und hygienisch einwandfreie Einstreu.

  • Gummi- oder Kuschelmatten sorgen für einen weichen Boden, auf dem die Pferde auch liegend zur Ruhe kommen können – dies nicht nur in der Box, sondern auch in Aussenbereichen.

Bedürfnis 3: Fütterung

Pferde sind für die Aufnahme von energiearmem, faserreichem Raufutter ausgelegt, welches sie über den Tag verteilt zu sich nehmen. Eine kontinuierliche Verfügbarkeit von Futter ist wichtig, um Verdauungsprobleme zu vermeiden. Zudem muss immer frisches Wasser zur Verfügung stehen. Dies in einer Tränke, die das Saugtrinken ermöglicht, vor Frost geschützt und möglichst vom Futterplatz getrennt ist.

  • Heunetze oder Körbe eignen sich gut, damit Pferde immer etwas zu knabbern haben. Zum Befüllen sind sie aber aufwendig. Einfacher geht es mit den Porta Grazern. 
  • Noch effizienter sind zeitgesteuerte Fütterungssysteme wie etwa die feedSLOW-Raufen. In der Gruppenhaltung sind grosse Rundballenraufen ideal. Diese können mit zeitgesteuerten Fütterungsplanen ausgestattet werden. Durch die einstellbaren Futterintervalle kann die Futterration in regelmässige und über den ganzen Tag verteilte Futterportionen aufgeteilt werden.

 

Pferdewohl Möglichkeit

Bedürfnis 4: Sozialkontakte

Als Herdentiere haben Pferde ein starkes Bedürfnis nach sozialen Kontakten. Sie leben in Gruppen und benötigen den Austausch für ihr Wohlbefinden. Soziale Interaktionen bieten Sicherheit und fördern das natürliche Verhalten. Die Tiere brauchen mindestens Sicht-, Hör- und Geruchskontakt. Fohlen und Jungpferde dürfen nicht einzeln gehalten werden, sie müssen in Gruppen aufwachsen.

  • Besonders in der Einzelhaltung ist es wichtig, den Pferden Interaktionsmöglichkeiten zu bieten. Boxensysteme mit tiefgelegten Abschnitten ermöglichen Kontakt und Rückzug. Sozialboxenelemente bieten Pferden die Möglichkeit, ihr Sozialverhalten auszuleben, während der Komfort und die Sicherheit einer Einzelbox erhalten bleiben. Durch einen Abstand von 30 cm zwischen den Boxenstäben können sie ihre Köpfe in die Nachbarbox halten und interagieren.
  • In der Gruppenhaltung können von der Decke herabhängende Gummimatten als Sichtschutz dienen. Flexible Systeme wie schwenkbare Boxenwände oder leicht zu öffnende Paddock-Abtrennungen schaffen schnell einen temporären Gruppenstall, der den sozialen Bedürfnissen der Pferde gerecht wird.

Bedürfnis 5: Klima und Sauberkeit

Ein gutes Stallklima mit viel Frischluft und Licht ist entscheidend für die Gesundheit. Saubere Luft und ein gut belüfteter Stall helfen, Atemwegserkrankungen zu vermeiden. Die Lunge der Pferde ist zwar leistungsfähig, aber auch sehr sensibel. Viel Staub sowie eine erhöhte Konzentration von Schadgasen können zu Störungen führen. Neben einer entsprechenden Bauweise ist auch das tägliche Ausmisten für die Hygiene und Luftqualität im Stall unerlässlich. Hochwertige, saubere Einstreu trägt wesentlich zur Stallhygiene bei. Hanf-Einstreu schneidet in den drei Bewertungspunkten Staubarmut, Arbeitsaufwand und Mistvolumen am besten ab.

  • Für Aussenställe sind Pferde-WCs eine innovative Lösung. Das Pferd erhält damit einen separaten Ort zum Urinieren und es wird dafür gesorgt, dass der Liegebereich sauberer und das Ammoniak draussen bleibt. 
  • Um die Luftqualität zu verbessern, sind Lüfter- und Ventilationssysteme hilfreich. Die optimale Belüftung hängt jedoch von verschiedenen Faktoren ab. Für die beste Lösung zur Klimaverbesserung im Stall empfiehlt sich eine professionelle Beratung – wie etwa durch den Stallklima-Check.

Individuelle Lösungen statt Einheitskonzepte

Es gibt nicht die eine perfekte Haltungsform, die für jedes Pferd gleichermassen geeignet ist. Jeder Stall und jede Pferdehaltung sind anders und müssen auf die Bedürfnisse der einzelnen Tiere sowie die Bedingungen vor Ort abgestimmt werden. Faktoren wie Platzangebot, Infrastruktur und Wirtschaftlichkeit spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Pferdewohl bedeutet, die Balance zwischen den individuellen Bedürfnissen der Tiere und den realen Gegebenheiten zu finden. Mit etwas Kreativität und Planung lassen sich auch in traditionellen Ställen innovative und pferdegerechte Lösungen umsetzen – zum Wohl der Pferde und zur Freude der Halter:innen.

Pferdewohl